Short Stories von Rüdiger Saß: Die 22.

Mittwoch, 25. November 2009 um 19:10 - futziwolf

Furzklemmer


Ich habe den Juli verlebt. Wenig ist von ihm geblieben. Bilder bestimmter Tage und Ereignisse müssen mühsam aus dem Gedächtnis gegraben und gekratzt und von anderen Nachklängen anderer Tage und Ereignisse geschieden werden. Ich bilanziere, diesen Sommer nicht gelebt, sondern verlebt zu haben.

Während nie endender Arbeit, über den Schreibtisch gebeugt, zog der August am Fenster vorbei. Schon wieder ein August. Die Sonne lud zu Ausflug, Bier und Schlaf ein. Doch schon klopfte der Herbst an die Tür, der stürmische Herr Herbst. Ich blieb am Schreibtisch, Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Ich bin der mächtigste Mann in Wanstberg. Sie ist meine Stadt, sie gehört mir. Hier wurde ich geboren, hier werde ich sterben. Als mein Vater von seiner Lebenshebebühne fiel, hinterließ er mir nicht viel mehr als das Bewußtsein, fünftes Kind eines Gärtnergehilfen zu sein. Mein Herkommen verhieß mir eine Zukunft als Nichts und Habenichts: als Tagelöhner, bestenfalls Kleinkrämer oder Fußvolkbeamter. Ehrgeizgeister trieben mich dazu, die Schande der Armut von mir zu strampeln. Kraft, Mut und Ausdauer habe ich zu danken, von allen Wanstbergern wenn schon nicht geachtet, doch wenigstens gegrüßt zu werden. Täten sie es nicht, stünden sie morgen auf der Straße. Mit aller Wahrscheinlichkeit arbeiten sie in meiner Wurstfabrik. Wehe dem, der sich mir quer stellt! Leichen pflastern meinen Weg.

Warum ich Sie mit meiner Geschichte langweile? Schließlich hat es Menschen wie mich zu jeder Zeit in jeder Stadt gegeben. Allen Jammerlappen, Schwächlingen und Zukurzkommenden will ich zeigen, wie aus Scheiße Gold zu machen ist: mit Sparsamkeit und Arbeit. Eins bedingt das andere. Wer arbeitet, hat keine Zeit, Geld auszugeben. Wer sein Geld nicht anlegt, wer es verpraßt, versäuft und verhurt, anstatt es ins Geschäft, in seine Arbeit zurückzupumpen, wer seine Möglichkeiten, seine Handlungsspielräume nicht erweitert, kurz: wer mit Geld nicht umgehen kann, bleibt Knecht oder Magd. Merke: Wer langsam, gemütlich und verträumt eine Straße überquert, der darf nicht klagen, wenn er überfahren wird.

Neben Nebelwesen sind mir Leckärsche und Tollhäusler zuwider. Die kommen zu nichts. Sie verschwenden ihre Energien an sich selbst. Sie jammern, ächzen und klagen, bis die ersehnte Krankheit kommt, Leiden, die von leidiglästiger Selbstverantwortung entbinden. Dann werden sie in ein warmes, weißes Bett gelegt, das wird ihnen täglich frisch bezogen.

Die Liebe, ein anderes Beispiel, diese Schwäche, dieser Luxus der Jugend! In jungen Jahren fraß selbst in mir diese Seuche, aber bald war ich geheilt. Ich kenne keinen Grund, eine faule Frau zu finanzieren, eine zuhause Sitzende, die nur ausgeht, um mein Geld unter die Leute zu bringen oder um mir Hörner aufzusetzen. Ich sehe keinen Sinn darin, eine Untätige auszuhalten, bloß weil sie meine Gattin oder Mutter meiner Kinder ist. Gebären ist das Natürlichste der Welt. Das gehört zum weiblichen Geschlecht wie Schwatzen, wie Telephonieren, wie Kaffeeklatschen.

„Beutelschneider“ schimpft mich der Volksmund, „Pfeffersack“ und „Geizknochen“. Ich spucke auf das Geschwätz. Meine Wahrheit sind Bilanzen. Solange der Gewinn stimmt, schlafe ich wie ein Kleinkind. Ich staple Geldsäcke zu Schutzwällen auf, zu Helfern, die jederzeit, in guten wie in schlechten Zeiten an meiner Seite sind, Freunde, die mich auffangen und abfedern. Schauen Sie sich um! Begreifen Sie das Unglück der Armut, von Pfützen fad gespiegelt, auf der Straße, in Asylen und Wärmstuben! Davor habe ich am meisten Angst. Ich brauche viele fette Geldscheinbündel, Knautschzonen für die Zukunft, für das Alter.

Wie ich diese Nichtstuer, diese Neidaugen hasse! Alle diese gegenwartsvergessenen, zukunftslosen  Gnadenbrötler, zu nichts fähig als ihre Hände aufzuhalten, abhängig von der Kraft anderer, von Spenden, von Fürsorge und Wohlfahrt. Ich könnte vor Scham nicht in den Spiegel schauen, wenn ich dann noch einen hätte.
Ich bin stolz, nie Almosen gegeben zu haben. Jeder ist sich selbst der Nächste. Jeder für sich und jedem das Seine! Ich habe nichts zu verschenken. Würde ich allen Lumpen und Bettlern, die sich im Arbeitsamt, auf Straßen, in Kneipen und Suppenküchen rumtreiben, nur einen Keks geben, dann wäre ich pleite. Sollen sie sich ins Elend stürzen, und sollen sie dort bleiben!

Täglich wächst die Zahl der Habenichtse, der Hungerleider. In Divisionsstärke eiern sie am Werktor vorüber. Nirgendwo fühle ich mich sicher. Überall streunt Pack umher, scheel und feind, wenn es mich sieht. Ich zahle wie alle andern meine Steuern, keinen Ditscher mehr, einige weniger. Mildtätigkeit, Barmherzigkeit, Nächstenliebe: mittelalterliche Worthülsen, wie ausgelutschte, weggeworfene Zitronenschalen.
Falsch verstandene Menschlichkeit führt in den Ruin. Lieber fünfhundert Entlassene, die tausend, zweitausend Angehörige durchbringen müssen, als die gesamte Belegschaft ins Elend setzen zu müssen. Gute Ausrede, zieht immer!

Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Mein Vermögen habe ich ehrlich erarbeitet. Die unehrlichen Geschäfte kommen nicht ans Tageslicht, nicht in Volkes Mund. Ich laß mir nicht die Butter vom Brot nehmen, schließlich verlebe ich Sommer wie Winter, statt sie zu erleben. Ich weiß, was mir zusteht. Und ich weiß, was mir entgeht, wen ich umgehe. Ich habe keine Erben.

Dies gebe ich zu bedenken: die klösterliche Einsamkeit, die Eingleisigkeit, die Unausgewogenheit meines Lebens. Auf daß es euch versöhnlicher, milder gegen mich stimmt und Ihr eure begehrlichen, gierigen Finger von meinen Geldsäcken nehmt!

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Das dicke Ding

Niemand, auch nicht die Pythia aus Delphi, hätte dem dicken Ding, wie Fridula Grindkinn genannt wird, vorhergesagt, daß sie einst der mächtigste Mensch von Aschkenas werden würde. Fridula war das fünfzehnte Kind Gnomonia Grindkinns, zur Welt gebracht in einer Scheune irgendwo im Nirgendwo, in Oberunterpopeln. An eine Fortsetzung der Flucht war nicht mehr zu denken, an eine Flucht vor dem Krieg, vor den heranrückenden Feinden, vor der Front. Denn Fridula war nicht von der Stelle zu bewegen. Sie wog bei ihrer Geburt zwei Zentner bei einer Größe von anderthalb Metern, eine unförmige Fleischmasse, von einem grauen Sackkleid verhüllt. Und dabei blieb es, bei besagter Größe, Gewicht und grauem Sackkleid, egal wie alt sie wurde, egal wie viel sie zu sich nahm.

Der Krieg kam nach Oberunterpopeln, der Krieg kam und ging, er kam, sah und siegte. Sein Ergebnis: kein Friede, sondern ein sogenannter „Kalter Krieg“ und ein in zwei Staaten geteiltes Aschkenas. Fridula Grindkinn wuchs in der „Frostzone“ auf, in einer Diktatur unter sozialistischem Deckmantel. Die Frostzonendiktatoren ahnten, daß sie den „Kalten Krieg“ nicht gewinnen würden, einen Wirtschafts- und Wohlstandswettlauf gegen Diktaturen unter kapitalistischem Deckmantel. Um der Diktatur der Proletarierpartei am Ende doch noch zum Sieg zu verhelfen, mußte ein Spion aufgebaut werden, ein Agent in Sachen Sozialismus. Es sollte ein „Schläfer“ sein, jemand, der nach dem Untergang der Ostzone aufwachte und den Weg zur Macht antritt, der Macht im Siegerstaat, in der Diktatur unter  kapitalistischem Deckmantel. Es mußte jemand sein, der Diktator von Aschkenas werden wollte. Sobald er dieses Ziel erreicht habe, solle die Zersetzungsarbeit beginnen, eine Arbeit, die den Aufstand der Massen erzwinge, die Revolution...

Wermut Weißnichts wurde mit der Talentsuche beauftragt. Die Wagenkolonne des Geheimagenten glich einem Zirkustroß, von einem Ort zum andern ziehend, von hier nach da, von da nach dort und wieder zurück. Irgendwo zwischen Dorthinaus und Nirgendwo, in Oberunterpopeln wurde er fündig. Fridula Grindkinn, von der Dorfjugend nicht nur „das dicke Ding“, sondern auch „Lady Krampfader“ genannt, befand sich gerade auf der Flucht vor eben dieser Dorfjugend, die ihr mit Knüppeln und Geschrei zusetzte. „Das ist sie!“ rief der Talentsucher, „das ist die Richtige.“ Fridula Grindkinn war an jenem Tag sechzehn Jahre alt geworden. Sie wog immer noch zwei Zentner bei einer Größe von anderthalb Metern. Zudem zierte sie eine hornhautfarbene Topffrisur und ein Normal- oder Pudelgesicht, mit herabhängenden Mund und Wangenhautlappen. Tränen kannte Fridula nur aus Filmen, und das Lachen lag ihr so fern wie Neufundland oder Afrika.

Wermut Weißnichts wurde Fridulas Lehrer in Sachen Weltrevolution. Er mußte sich beeilen, denn schon nahte der Untergang der „Frostzone“, der Untergang des kleinbürgerlichen Sozialismus mit diktatorischem Antlitz. Es versank eine Gewaltherrschaft, in der einem eine eigene Meinung – das Recht auf ein Leben in Selbstbestimmung - um so vieles teurer zu stehen kam als auf der anderen Seite der Grenze, in der sogenannten „freien“ Welt, in der es wie in der „Ostzone“, wie überall voller Mitläufer, voller ängstlicher Arschkriecher und Ja-Sager nur so wimmelte und wimmelt und wimmert und winselt.

Fridula Grindkinn führte bis zum Zusammenbruch der „Zone“ das Leben eines Mauerblümchens, sie verdingte sich als Verkosterin von Südfruchtersatz auf Kiesel- und Hausstaubbasis. Doch plötzlich, mit einem Mal wurde alles anders. Fridula rieb sich den Schlaf aus den Augen, stand auf und ging los, sie ging geradewegs in die Politik...

 Fridula Grindkinn trat den „Goldkühen“ bei, jener Partei, die die Kirche, egal welche, im Dorf lassen will, egal in welchem, eine Volkspartei, für die die Frauen hinter dem Herd gehören und die Männer in die Fabriken und an die Front. Es gehörte zu Fridulas Auftrag, gerade den Konservativen beizutreten, um sie von innen heraus zu unterwandern und zu zersetzen. Und sie erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen. Aus dem Exil heraus verfolgte Wermut Weißnichts, wie Fridula, seine Zuchtstute, sich Stück für Stück zur Sonne, zur Macht vorkämpfte. Die Frau, der niemand etwas zutraute, saß sich durch, sie saß sich einen Namen: in endlosen Parteidebatten, in Fraktions- und Ausschußsitzungen. Fridulas unermüdliches Sitzfleisch sowie das Wohlwollen mächtiger „Goldkühe“ halfen ihr die Karriereleiter hinauf: zuerst in der Partei, dann in Parlamenten, zuletzt in Kabinetten. Fridulas bester Freund und Förderer hieß Kleinschweiß, Kalender Kleinschweiß, und er war nichts weniger als Kanzler von Aschkenas. Er verwendete Fridula als Farbtupfer und Feigenblatt, er machte sie zur einzigen Frau in seinem Kabinett, zur einzigen Vertreterin der ehemaligen „Ostzone“ in der Regierung, er machte sie zur Ministerin für Lebensmittelersatzstoffe.

Und dann kam er, der Tag der Tage, dann stand er plötzlich vor der Tür, jener Tag, als Kanzler Kleinschweiß an einem Herzschlag starb. Fridula Grindkinn, seine Kronprinzessin, übernahm das Staatsruder. Sofort tat sie alles, um das Volk gegen sich, gegen den Staat aufzuhetzen. Sie verbot den Genuß von Tabak, von Alkohol und Autos. Sämtliche Theater und Kneipen, Kinos und selbst Kioske wurden geschlossen, der Sechzehnstundennormalarbeitstag eingeführt und die Steuern erhöht. Und und und. Aber alle Schikanen und Gemeinheiten wirkten nicht wie erhofft. Nichts und niemand begehrte auf. Niemand wehrte sich, niemand ging auf die Straße, kein Protest, kein Kampf, keine Gewalt. Die Menschen stöhnten unter den Lasten, sie meckerten, aber Stöhnen und Meckern gehört zu ihrem Naturell, selbst im Schlaraffenland, im Paradies würden sie nicht zufrieden sein. Zuletzt gewöhnten sich die Leute an alles, sie schluckten jedes Verbot, jede Gängelei, jede neue Steuer. Sie gewöhnten sich sogar an Fridula Grindkinn, das Volk nannte sie „das dicke Ding“, nicht ohne einen liebevollen Unterton.

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Die Fliegenfabrik

Es war einer dieser Tage, als die Bäume ihre Kronen um sich herumdrehten, Ohrenstäbchen vergleichbar, die um die eigene Achse rotieren. Es war einer dieser Tage, als Ratten und Regenwürmer menschliche Züge bekamen. An einem dieser Tage, als ich mich noch Siezte, starb Onkel Pupsen, das Stubenstinktier. Der Tod befreite ihn, den Pferdekopf, von der Dummheit, ein Gebrechen, das seinem Geschäftsglück nicht im Wege war, sondern vorauszusetzen schien. Er führte einen gut gehenden Fliegenmarkt, Fliegen en gros et en détail. Laden und Lager bildeten eine weitverzweigte Altbauwohnung, ein im Müll versinkender Alpbau. Unter den zahlreichen Brutlampen fühlten sich nicht nur Fliegenvölker zuhause, sondern auch Schmeißmücken, Singwanzen und Onkel Pupsen. Er versaß sein Leben vor laufendem Fernseher. Sein Fliegenmarkt hatte Tag und Nacht geöffnet, er glich einer Affenakademie, einem Asyl für den Ausschuß der Gesellschaft: für Gliedchen Groschenwurst, die Fliegenverkäuferin; für Stirnbrand Breitfuß, einen Hintertreppenentrümpler und Staubsammler, der manchmal Schmalzkerl genannt wurde, manchmal Schmollkerl, meistens aber Bruder Bratfett; für Wildpret Zierfraß, einem Blechkopf mit fingerdicker Hornhirnhaut sowie für viele andere Kunden und Bekannte.

 Sie alle lebten mehr oder weniger auf der stinkenden Müllhalde, die in einigen Zimmern so hoch aufragte, daß man, um sich nicht zu stoßen, den Kopf einziehen mußte. Und sie alle einte ein Leiden: eine schmerzende, unerfüllte Liebe. Onkel Pupsen betete Pupsi, die tanzende Turbantorte an, eine Zeichentrickfigur aus dem Kinderprogramm im Fernsehen. Sein Herz schlug hörbar höher, sobald sie über den Bildschirm tanzte, und es seufzte, wenn sie wieder verschwand. Da er nur Augen für seine Pupsi hatte, sah er Gliedchen Groschenwurst nicht. Er sah nicht, wie sie zu ihm aufsah, sie, die einen Kolossalkopf größer als er war. Er sah nicht, daß die Groschenwurst einer Turbantorte glich, einer Zeichentrickfigur aus dem Kinderprogramm im Fernsehen. All das sah er nicht: weder die Liebe noch das Leiden seiner Fliegenverkäuferin.

Stirnbrand Breitfuß liebte alte Möbel über alles. Besonders die Stühle seines Freundes und Fliegenfabrikanten hatten es ihm angetan: der schlüpfrige Schwung ihrer Beine und die busenförmigen Rückenlehnen! Doch der Liebhaber wußte, daß Onkel Pupsen die teuren Objekte, die er als „Erbstücke“ bezeichnete, nur über seine Leiche hergeben würde. Und so erging es ihm wie Wildpret Zierfraß, dessen Blechkopf ein faustdickes Geschwür beherbergte. Dieser Zierfraß litt, weil er, der sich vergötterte, seinem Tod nicht aus dem Weg gehen konnte, er litt, weil er sich dann nicht mehr vergöttern könnte.

Und es kam der Tag, als die Bäume ihre Kronen um sich herumdrehten, es kam der Tag, als Ratten und Regenwürmer menschliche Züge bekamen. An jenem Tag führte Gliedchen Groschenwurst einen langgehegten Plan aus. Sie zog das Fernsehkabel aus der Steckdose, während Pupsi, die Turbantorte über den Bildschirm tanzte. Dann drängte sich die Fliegenverkäuferin zwischen Onkel Pupsen und dem Fernseher und begann, sich zu drehen und in den Hüften zu wiegen. Es ist nicht auszumachen, was dem Stubenstinktier den Garaus machte, ob die Unterbrechung seiner Lieblingssendung oder der Schock, daß sich eine Zeichentrickfigur in eine Turbantorte aus Fleisch und Blut verwandelt hatte. Doch eins ist sicher: Als die Groschenwurst sah, daß Onkel Pupsen gestorben war, fiel sie in eine Ohnmacht, aus der sie nicht wieder aufwachte. Auch Stirnbrand Breitfuß starb auf der Stelle, denn er freute sich zu sehr über die Stühle, die endlich ihm gehören sollten. Nur Wildpret Zierfraß hielt es - dank seiner Selbstliebe und der fingerdicken Hornhirnhaut - noch eine Weile am Leben. Er führte den Fliegenmarkt weiter, versuchte sich mehr schlecht als recht als Fliegenverkäufer und starb, von allen Kunden, Freunden und Bekannten verlassen.
Und so lag seine Leiche neben den anderen, neben Onkel Pupsen, Gliedchen Groschenwurst und Stirnbrand Breitfuß, sie lagen da, bis sich der Müll und das Vergessen über sie gelegt hatten. Was blieb, waren die Fliegen: Fliegen, Fliegen, nichts als Fliegen.


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Die Flucht geht weiter

Ichdu Ersie ist Schauspieler, ein bunter Hund, bekannter als der Kaiser von China. Vor ihm, hinter ihm nichts als Berge, Berge voller Arbeit, Berge, die bezwungen werden wollen. Keine Zeit zum Luftholen, zum Verschnaufen. Doch eines Tages ist es soweit, an einem sonnigen Sommertag setzt sich Ichdu Ersie in einen Zug, um Gummifinger zu besuchen, einen Freund aus der guten, alten Zeit. Auf dem Bahnhof, im Zug, wie immer, wie überall das gleiche Schauspiel. „Sind Sie nicht Ichdu Ersie?“ Ein Satz, mit dem sich Wildfremde an ihn ranmachen, Parasiten, die er nur sehr schwer wieder los wird. Der Schauspieler fällt nicht aus der Rolle. Er fürchtet, es sich nicht leisten zu können, seine Maske, sein Gesicht zu verlieren. Keine Zeit zum Luftholen, zum Verschnaufen. Er muß lächeln, in Gesichter und Kameras, muß Autogramme und Auskünfte geben, Leuten, die vorgeben, ihn zu lieben, zu vergöttern, Leuten, die behaupten, ihn, dem sie vorher noch nie begegnet sind, genau zu kennen.

Dann ist es geschafft, der Zug hält in Schlagloch. Der bunte Hund schüttelt seine Plagegeister ab und steigt aus. Auf dem Bahnhof ist von einem Gummifinger nichts zu sehen, kleiner Empfang für einen großen Gast. Ichdu Ersie weiß sich zu helfen. Ein Taxi bringt ihn zu Gummifingers Wohnung. Auch dort keine Spur von einem Gastgeber, nur verschlossene Türen, trotz Klingelns und Klopfens. Doch auch damit weiß der Mann von Welt umzugehen, verschlossene Türen können ihm nichts anhaben. Er läßt sich am Tresen der „Wahnwelt“, einer dunklen Kneipe nieder. Schrulle, dem Wirt, konnten die letzten zwei, drei Jahrzehnte nichts anhaben. Er hat schon immer alt ausgesehen, älter geht es beim besten Willen nicht. Es dauert, bis er sich seines einzigen Gastes an diesem Nachmittag erinnert, es dauert, bis er ihn wiedererkennt. „Wo bist du die ganze Zeit gewesen?“ fragt er. „Zuerst in der Schule“, antwortet Ichdu Ersie, „in der Schauspielschule, dann auf den Brettern, die die Welt bedeuten.“ Schrulle zuckt mit der Schulter und läßt sich zu einem „Aha“ herab, dann wendet er sich wieder seinen Geschäften zu, seinem Bier, seinem Schnaps und seiner Zigarre.

Ichdu Ersie soll es recht sein. Endlich ein Ort, wo ihn niemand kennt, wo niemand etwas von ihm erwartet, ein Ort, an dem er eine fast vergessene Rolle spielen kann, die Rolle seiner selbst.

Als Gummifinger die „Wahnwelt“ betritt, findet er seinen alten Freund am Boden, im Delirium. Er schultert Ichdu Ersie und trägt ihn heim. Als der Mime aufwacht, ist Gummifinger auf dem Weg zur Arbeit. Nachdem er sich orientiert hat, nachdem klar ist, wer und wo er ist, wankt Ersie aus dem Haus. Sein Weg führt in die „Wahnwelt“, dorthin, wo ihn niemand kennt, wo er seine Ruhe hat. Doch das Tor zur „Wahnwelt“ zeigt ein hartes, unnachgiebiges Gesicht. Bis es geöffnet wird, muß Zeit totgeschlagen werden, viel Zeit und viele Erinnerungen, die in den Straßen herumlungern, auf den Wegen der Kindheit, der Jugend. Und es dauert nicht lange, da tauchen sie wieder auf, die Plagegeister, die Parasiten mit ihrem „Sind Sie nicht...?“ oder „Sie sind doch...!“ Am liebsten würde er sie zur Hölle jagen. Wenn er könnte. Aber er kann nicht. Für die Teufelsrolle fehlen ihm Kälte, Mut und Kraft. Er kann nur seine gute Miene aufsetzen, trotz des tobenden Katers in seinem Kopf, er kann nur lächeln und Komplimente verteilen. Und Autogramme.

Dann sitzt er wieder in der „Wahnwelt“ und läßt sich gehen, läßt sich treiben, auf Schnapswellen, bis er vergißt, wer und wo er ist. Und am Abend, nach der Arbeit holt ihn Gummifinger ab, er schultert seinen alten Kumpel und trägt ihn heim. Am nächsten Abend das gleiche Schauspiel und am übernächsten wieder. Doch am drauffolgenden Abend setzt Gummifinger seinen Freund in einen Zug. Als Ichdu Ersie wieder aufwacht, sieht er einen Plagegeist, er sieht sich einem Parasiten gegenüber sitzen. Während dieser sein „Sind Sie nicht...?“ und „Sie sind doch...!“ herunterbetet, findet der Mime einen Zettel in der Tasche, eine Nachricht von Gummifinger: „Schön, Dich mal wiedergesehen zu haben, schön zu sehen, daß Du ganz der Alte geblieben bist.“



Über das Gute

Ich sitze zuhause, ich sitze zuhause im Sessel und lese. Ich lese ein Buch, ein gutes Buch über das Gute. Ich lese und lese, und zuletzt glaube auch ich, ich, der Gläubige, der Bekehrte, ich glaube an das Gute: zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Und schon lese ich nicht mehr. Auch den Sessel und das Zuhause lasse ich hinter mir, denn mein Weg führt mich zur Arbeit, zu meinem Büro, zu meinem Schreibtisch. Das Gute habe ich mitgenommen, wie einen Hund; es weicht mir nicht von der Seite, bis mich jemand um etwas Kleingeld bittet, ein stinkender Jemand, ein alter, häßlicher, lumpiger Jemand, ein gewisser Jemand, mit dem ich nichts zu tun haben will. Das Gute bekommt einen Tritt, wie ein Hund, der mir im Weg steht, es bekommt einige Kratzer, als ich die Bitte des Bettlers überhöre und ihn links liegen lasse. Doch schon ist es wieder da, das Gute, treu wie ein Hund; es blickt mich von unten herauf an und wedelt mit dem Schwanz, als ich im Bus meinen Sitzplatz einem Rentner anbiete. Ich fühle mich wie ein beflügelter Samariter, wie ein Ritter ohne Furcht und Tadel, dem Guten sei Dank. Doch kaum bin ich bei der Arbeit, kaum bin ich im Büro, am Schreibtisch, da verflüchtigt sich das Gute wie ein Traum, es verblaßt wie eine schöne, aber ferne Erinnerung, wie eine Urlaubserinnerung. Mit den ersten Demütigungen des Chefs streicht es die Segel, mit den ersten Witzen der Kollegen macht es sich aus dem Staub, Demütigungen und Witze, die ich wie immer ohne Widerstand, ohne Widerspruch hinunterschlucke.

Das Gute geht zugrunde, denke ich auf dem Nachhauseweg, es ist wie ein Hund, der vor die Hunde geht, denke ich und trete einen Köter, einen, der es wagt, vor meinen Augen an einen Baum zu pinkeln, allein, ohne Schutz, ohne Schirm seines Herrn. Ich trete einen kleinen Köter, vor großen fürchte ich mich, ebenso vor Hundeherren. Das Vermögen, meine Schwächen, in diesem Fall meine Feigheit und meine Furcht, ebenso wie meinen Frust und meine Wut zu sehen und mir einzugestehen, geben mir ein gutes Gefühl. Und schon ist das Gute wieder da, schöner und strahlender als zuvor. Es klopft mir auf die Schulter, es küßt mir Füße und Hände, obwohl ich im Traum nicht daran denke, mich jemals auch nur ein Stück weit ändern zu wollen. Furcht und Feigheit, Frust und Wut gehören zu mir, seit meiner Geburt, seit viel zu langer Zeit. Warum sollte ich mich ändern? Warum bin ich Anarchist? Doch nur darum, damit ich tun und lassen kann, was ich will! Ich habe ein gutes Gewissen, eines mit einem guten, gesunden Schlaf, ich habe ein Gewissen, das selbst dann nicht aufwacht, wenn im Fernseher Kriege wüten, wenn ganze Völker an Seuchen krepieren, vor Kälte, vor Hitze, vor Hunger und Durst. Mein Gewissen wacht erst dann auf, wenn es um mich geht, wenn mir etwas nicht paßt, wenn es gar zu arg wird mit der Ungerechtigkeit, mit dem Neid und dem Haß, mit der Gier und der Bosheit der anderen, dann ist mein Gewissen hellwach, dann ist es Zeit, hohe Zeit zuhause zu sitzen, zuhause im Sessel mit einem guten Buch, mit einem Buch über das Gute...

... soweit ein Auszug aus den letzten Short Stories von Rüdiger Saß.
Hier noch Mal die Empfehlung für seinen neuen Roman:

Des aponauten beliebtester und fleißigster Autor von Short-Stories, Rüdiger Saß, hat fast einen Roman geschrieben. Per Definition kluger Leute soll der Roman Neues von der Heimatfront
kein wirklicher Roman sein, was es nun genau ist, vermag mal wieder
keiner so genau zu sagen. Das Rüdiger Saß aber auch in seinem neuen
Buch wieder schonungslos alle Finger in offene Wunden (auch die
Eigenen) legt und dabei eine unüberschaubare Flut von neuen
Wortschöpfungen, Flüchen, Schand- und Schimpfwörten auf uns los lässt,
(die ihr euch unmöglich alle merken könnt; deswegen braucht ihr das
Buch) das kann ich euch versprechen.

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Rüdiger Saß
NEUES VON DER HEIMATFRONT

Bench Press Publishing 2008
ISBN 13-978-3-933649-25-6
http://www.myspace.com/benchpressverlag




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