Short Stories von Rüdiger Saß: Die 20.

Montag, 16. November 2009 um 20:24 - futziwolf

Die Diebe und der Querulant

von Rüdiger Saß

I.
Ich hätte nie gedacht, daß es so weit kommen könnte, denn jetzt bin ich auf der Flucht, jetzt sind sie hinter mir her. Dabei hatte alles so harmlos angefangen, wie es so schön heißt. Ein gewisser Wansthart Weicheier erlaubte sich, mir Damenbinden in Rechnung zu stellen, Waren, die ich weder bestellt noch erhalten hatte. Wansthart Weicheier forderte Geld von mir, viel Geld, einfach so, aus einem natürlichen Erwerbstrieb heraus. Ich nahm das Schreiben nicht ernst, ich hielt es für eine Verwechslung und warf es weg.

Die Sache geriet in Vergessenheit, bis mich eines Tages ein Brief, eine Mahnung, wieder daran erinnerte. Wansthart Weicheier forderte mich zur Zahlung der Damenbinden plus Mahngebühren auf. Mir tat dieser Mensch leid. Ich wollte ihn nicht in seiner Unwissenheit sitzen lassen. Deshalb setzte ich ein Antwortschreiben auf. Darin war von einem Mißverständnis die Rede, davon, daß ich mit Damenbinden nichts anzufangen wüßte und schon gar nicht mit hunderttausend Stück, die ich zudem nie erhalten hätte. Wenn ich für nichts zahlen müsse, schloß ich mein Schreiben, könne ja jeder kommen und Geld von mir zu verlangen.
Danach verflog die Zeit und mit ihr die Erinnerung an diese dumme Sache. Schließlich gibt es noch anderes im Leben: vor allem die Liebe, die Kinder, die Drogen...

Doch dann bekam ich wieder Post, wieder von Wansthart Weicheier, beziehungsweise von der Firma Weicheier und Söhne, diesmal die zweite Mahnung. Die Schriftschlangen drohten mir mit einer Inkassofirma, wenn ich nicht zahlen würde. Das war starker Tobak, das machte mir Angst. Den Begriff Inkassofirma verbinde ich mit Geldeintreibern, mit Knochenbrechern. Ich hatte noch nie mit derlei Gestalten zu tun gehabt, geschweige denn Mahnungen erhalten. In meinem Leben gibt es keine unbezahlten Rechnungen, außer denjenigen, die ich nicht mit Geld bezahlen kann. Und so protestierte ich gegen die Forderung des Wansthart Weicheiers und seiner Söhne, und ich protestierte schriftlich.
Und wieder begann die Zeit, Gras über die Sache wachsen zu lassen, es flohen Tage, Wochen und Monate. Dann bekam ich Post von der „Von Hintenrum GmbH und Co KG“. Die Inkassofirma forderte mich im Auftrag der Weicheier zur Zahlung auf. Die „Von Hintenrum“ drohten mir mit dem Rechtsweg, ein Weg, der in einem Gerichtsverfahren münde. Ich, der ich noch nie vor einem Gericht gestanden hatte, weder als Zeuge noch als Kläger oder Beklagter, ich, der ich noch nie in den Sog der Gesetze geraten war, zitterte vor Angst. Die Einschüchterung wirkte auf mich wie ein Verkehrsunfall, wie ein Überfall. Ich stand unter Schock. Das Denken setzte aus, die Orientierung ging verloren.

Der Lähmung folgte die Entrüstung. Mein Kampfgeist erwachte, die Windmühlenfechterei, der Kampf Davids gegen Goliath konnte beginnen. Ich beantwortete die Mahnung der „Von Hintenrum“ mit einem Widerspruch. Ich entwarf ein Schreiben nach allen Regeln des Bürgerlichen Gesetzbuchs, eine quälende Erbsenzählerei, bei der ich mich zur Ruhe, zur Sachlichkeit zwingen mußte, da ich vor Entrüstung hätte Bomben werfen wollen. Ich wußte, daß die Mühe umsonst war, daß mein Widerspruch niemand interessieren würde. Denn schließlich war ich nur einer, einer von Tausenden, von zig Tausenden, die in einem Mahnverfahren waren. Ich war zu einer Nummer, einem Aktenzeichen  verkommen, zu einem Fall, der nur beigelegt werden würde, wenn ich zahlte. Aber das tat ich nicht. Warum sollte ich Diebe und Erpresser bezahlen?

Und so kam, was kommen mußte: Zuerst kam die zweite Mahnung der Inkassogangster, dann eine sogenannte anwaltliche Zahlungsaufforderung. Bis dahin hatte ich an den Rechtsstaat geglaubt, an Recht und Gerechtigkeit. Ich kannte den Unterschied zwischen Recht haben und Recht bekommen noch nicht. Und so wirkte es wie ein unerlaubter Tiefschlag auf mich, daß ein Jurist, jemand, der einen heiligen Eid geschworen hatte, dem Recht zu seinem Recht zu verhelfen, sich in den Dienst von Verbrechern stellte.

Es sah so aus, daß die Diebe und Erpresser mich mürbe machen wollten. Irgendwann würde ich der leidigen Mahnungen überdrüssig sein, irgendwann würde ich vor den Drohkulissen in die Knie gehen, wie ein sterbender Schwan, wie ein scheiternder Hamlet oder Siegfried. Irgendwann würde ich klein beigeben, nur um meine Ruhe zu haben, ich würde nachgeben und zahlen, wenn ich genug Nerven, Zeit und Geld vergeudet hätte. Doch ich hielt den Belastungen stand, ich hielt mich aufrecht. Ich fühlte mich herausgefordert, angegriffen, und so nahm ich den Fehdehandschuh auf, bereit zum Kampf. Ich hatte auch nichts anderes vor, ich konnte mich ganz auf einen Kleinkrieg wie diesen konzentrieren.


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II.

Eines Tages klingelte mein Telephon. Das wäre nichts Besonderes, wenn sich jemand gemeldet hätte. Als ich in den Hörer horchte, hörte ich keine Stimme, keine Anrede, nur ein Rauschen und schwere Atemzüge, die in ein gehässiges Gelächter übergingen. Kaum hatte ich aufgelegt, klingelte es wieder. Und wieder das Rauschen, der schwere Atem, das gehässige Gelächter. Oder die Verbindung wurde unterbrochen, sobald ich den Hörer abgenommen hatte.

Die Angst, eine schwere, heiße Last, überfiel mich. Sie raubte mir die Ruhe, verwirrte die Gedanken. Sie trieb mich zum Fenster und befahl mir hinauszuhaschen. Die Straße hatte sich verändert. Sie hatte ihre Alltäglichkeit, ihre Unschuld und Ungefährlichkeit verloren. Sie war zu einem Urwald, zu einem Kriegsschauplatz geworden. Autos und Passanten passierten nicht mehr nur zufällig mein Haus, plötzlich standen sie in einer unheilvollen Beziehung zu mir. Ich sah lauter Spione und Verbrecher, Schläger im Auftrage der Firma Weicheier und Söhne, der „Von Hintenrum GmbH und Co KG“ sowie des Rechtsanwalts Dr. Notbrot, ich sah lauter Leute, die zum Teil offen und herausfordernd, zum Teil verstohlen zu mir hinaufschauten. In dem Augenblick, in dem ich wie ertappt, wie von einer Kugel getroffen, vom Fenster zurückwich, klingelte es an der Tür. Auf leisen Sohlen näherte ich mich ihr und blickte durch den Türspion. Nichts. Niemand zu sehen. Dann klingelte es in der Wohnung unter mir. Jemand öffnete die Haustür: für den Paketzusteller.

Der Telephonterror dauerte in den folgenden Tagen an. Da ich den Hörer nicht mehr abnahm, zeichnete mein Anrufbeantworter das Rauschen, den schweren Atem und das gehässige Gelächter auf. Immer und immer wieder. Meine Angst blähte sich auf wie ein Luftballon, sie wuchs sich zur Panik aus. Ich verließ meine Wohnung nicht mehr, ich verbarrikadierte Türen und Fenster und löschte alle Lichter. Es sollte so aussehen, als ob niemand zuhause wäre.

Doch dann gingen mir die Lebensmittel aus, dann mußte ich hinaus aus dem Haus. Auf der Straße spürte ich Blicke, wie Speere, wie Lanzen, die mir den Rücken durchbohrten, Blicke, die mir Knüppel zwischen die Beine warfen. Sie kamen von überall her, aus Autos und Gebäuden, aus heiterem Himmel, aus dem Nichts. Ich schlich an den Häusern entlang, wie jemand, dessen Kreislauf jeden Moment zusammenzubrechen droht.
An einer Ampel, in einem Haufen Wartender hörte ich hinter mir ein schweres Atmen, heiße Luft streifte meinen Nacken. Obwohl von Haus aus feige, drehte ich mich um. Ich blickte in eine Regenwettervisage, in ein Graupelgesicht, alt, fett und aufgequollen. Mir war, als hätte sich der Tod die Gestalt eines Reisenden übergeworfen. Seine schweren Atemzüge gingen in ein Gelächter über, in ein gehässiges Gelächter.

Ich rannte über die Straße, obwohl die Ampel den Weg noch nicht freigegeben hatte. Reifen quietschten, Hupen, Flüche, Verwünschungen wurden laut. An die Einhaltung von Regeln war nicht mehr zu denken, schon gar nicht von Verkehrsregeln. Sämtliche Vorschriften und Gesetze brachen über mir zusammen. Sie hatten ihre Kraft, ihre Macht und Herrlichkeit verloren. Für mich hatten sie keine Bedeutung mehr. Ich rannte über den Scherbenhaufen der Ordnung, ich suchte mich über das Chaos, über den Müllberg des Lebens hinweg in Sicherheit zu bringen. Ich hatte meinen Kopf verloren, Zusammenhänge zerbrachen, fielen auseinander. Die Angst, die Panik schien mir Flügel zu verleihen. Ich lief, ohne mich umzudrehen, ich lief, ich rannte, nur weg, weg von dem Verfolger mit dem schweren Atem, dem gehässigen Gelächter.

Meine Flucht suchte eine Nische, ein Versteck zum Luftholen, zum Verschnaufen. Sie fand sie in einer Bar, in einem Café. Die Kellnerin, eine blendende Schönheit, hatte bemerkt, daß ich nicht gekommen war, um Durst oder Appetit zu bändigen, und so ließ sie mich in Ruhe. Ich versteckte mich hinter einer Zeitung und prüfte die Umgebung. Niemand zu sehen, nur die Kellnerin und ich, sie hinter dem Tresen, ich in der Ecke, am Tisch. Auch vor dem Fenster, auf der Straße nichts Verdächtiges. Es schien, als ob ich meinen Häscher abgeschüttelt hätte.

Kaum glaubte ich in Sicherheit zu sein, fiel mein Blick auf die Zeitung, auf einen Fahndungsaufruf. Ein säumiger Schuldner wurde gesucht, tot oder lebendig. Man hatte genug von Leuten, die ihre Rechnungen nicht beglichen, man wollte ein Exempel statuieren. Neben dem Steckbrief prangte ein Photo des Gesuchten, und der Gesuchte, das war ich. Ich zuckte zusammen, blickte mich um, prüfte die Umgebung, prüfte sie wieder und wieder. Ich sah den Fernseher über dem Tresen, sah den Ansager, dann ein Photo des Gesuchten, mein Photo.
Die Kellnerin musterte mich, wie eine giftige Spinne, wie ein ekliges Insekt. Dabei fiel die Schönheit wie Schuppen von ihr ab. Zurück blieb eine Regenwettervisage, ein Graupelgesicht, alt, fett und aufgequollen. Die Kellnerin hatte einen schweren Atem, ein Gerassel, das in einem gehässigen Gelächter endete.
Eine Panikwelle spülte mich zur Tür hinaus. Ich lief, so schnell ich konnte, ich lief wie jemand, der um sein Leben läuft. Die Leute zeigten mit Fingern auf mich, Menschen mit Schlechtwettervisagen, mit Graupelgesichtern. Sie sahen mir nach und sagten: „Das ist er.“ Sie riefen: „Haltet ihn, haltet den Dieb!“ Plötzlich spürte ich einen Schlag, dann noch einen und noch einen. Dann spürte ich nichts mehr.

In der Zwischenzeit mußte viel passiert sein, Geschehnisse, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Ich mußte in einem filmrißähnlichen Zustand gewesen sein, wie jemand, der zuviel getrunken hatte. Ich fand mich in einem Zimmer wieder, in einem Sessel sitzend und mir gegenüber, auch in einem Sessel und mit übereinander geschlagenen Beinen, eine Frau, eine blendende Schönheit. Ich mußte gerade etwas gesagt haben, ich hörte den Nachhall des letzten Satzes, ich hörte den Satz: „Dann spürte ich nichts mehr.“ Die Schönheit beruhigte mich, sie lächelte: „Es war nur ein Traum, und es wird lange dauern, sehr, sehr lange, bis wir ihn verstehen werden. Denn wir werden ihn auseinandernehmen, in seine Einzelteile zerlegen und dann“, sagte die Schönheit, „dann werden wir ihn wieder zusammensetzen.“ Sie beugte sich vor, um ihre Worte zu unterstreichen. Dabei öffnete sich mir der Blick aus dem Fenster, der Blick auf einen Seitenflügel des Hauses, Marke Krankenhaus, Bank oder Versicherungspalast. Und in einem der vielen Fenster stand ein Mann, jemand, der mir bekannt vorkam, ein Mensch wie jeder andere in diesem Land, mit Regenwettervisage, mit Graupelgesicht. Und dieser Mann blickte zu mir herüber, er schaute mich an und lächelte. Und ich glaubte seinen Atem zu hören, einen schweren Atem, wie rasselnde Ketten, wie Sträflingsketten, ein Atem, der in ein gehässiges Gelächter überging. Ich weiß nur noch, daß ich auf und davon bin, daß ich gelaufen bin, so schnell es ging, zuerst zur Tür hinaus und durch Flure, durch endlose, weiße Flure, dann ein Treppenhaus hinunter, dann hinaus auf die Straße. Ich lief so schnell wie jemand, der um sein Leben läuft, und ich laufe immer noch, ich laufe und laufe...



Abwechslung
von Rüdiger Saß

Nachdem der Beamte Brand sämtliche Bleistifte angespitzt und auch das letzte Staubkorn vom Schreibtisch gewischt hatte, lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und betrachtete die weißen Wände.
Nach einer Weile, nach einer Ewigkeit ohne Regung, zogen Zuckungen der Muskeln und Nervenstränge durchs Gesicht.
Mit einem heftigen Ruck riß er die Schreibtischschublade auf und nestelte einen Trommelrevolver hervor. Brand wiegte das Metall in seiner Handfläche. Es spannte seinen Körper. Plötzlich drehte er die Trommel, legte die Waffe an die Schläfe, schloß die Augen und drückte ab.
Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn, sämtliche Kleider klebten ihm am Leib. „Fünf zu eins“, wiederholte er immer wieder, und es sollten noch zwei Stunden verstreichen, ehe Feierabend war.


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Berge und Täler
von Rüdiger Saß

Es war der Abend eines heißen sogenannten Hundetages, es war anfang August, ein Tag, der Liedrian Jedwed zur Tränke, in eine Kneipe trieb. Ein Bier folgte auf dem anderen, und auf einem Whiskybein ließ es sich schlecht stehen...
Liedrian Jedwed kam auf seine Kosten. Er brachte alle und jeden gegen sich auf, selbst die Sanften und die Trägen, er ging ihnen auf die Nerven, denn er spielte seine Lieblingsrolle: das arrogante Ekel, den unaufhörlichen Redner, den Schnacker, wie es in Plattdeutschland heißt. Jedwed weidete sich am Widerwillen, an der Wut, die er in braven, biederen Bürgern hervorrief. Aber er wußte, wann die Zeit zum Rückzug gekommen war, er wußte, wann der Widerspruch, den er herausgefordert hatte, in offene Feindseligkeit, in Gewalt gegen ihn überzugehen drohte. Liedrian Jedwed ging, bevor sich die Fäuste gegen ihn erhoben. Er ging, weil er ein Feigling war, ein kleiner Mann mit großer Klappe.
Kaum hatte er die Kneipe, die „Schauerbar“, verlassen, verließ ihn auch die Erinnerung. Er wußte nicht mehr, was er tat. Der Alkohol hatte ihn in eine Puppe, in eine Maschine verwandelt, ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Liedrian Jedwed fand sich in erst in einem Bett wieder, sich, sein Bewußtsein, seine Erinnerung. Alles hätte seine Ordnung gehabt, alles wäre, wie es immer war, wenn es sein Bett gewesen wäre. Aber das war es nicht. Es schien ein Krankenhausbett zu sein, weiß, so weiß wie die Wände. Liedrian Jedwed verstand das nicht, er verstand nichts. Was war geschehen? Wie war er hierhergekommen, er, der Gesunde, der Kerngesunde, der um Krankenhäuser große Bogen machte? Die Wände begannen sich zu bewegen, sie verbeugten sich, sie tanzten, sie schwankten vor und zurück. Dann drehten sie sich, sie drehten sich um sich selbst und um Liedrian Jedwed herum. Sie drehten sich immer schneller, immer schneller und schneller, bis sich Jedwed vor Schwindel, vor Übelkeit erbrach. Als er, von Panik gepackt, einem Fluchtimpuls folgen wollte, als er sich aufrichten und das Bett verlassen wollte, merkte er, daß er das nicht konnte. Er war gefesselt, ans Bett gefesselt, mit Riemen, mit Lederriemen an Armen und Beinen und um Brust und Bauch herum. Er war zur Bewegungsunfähigkeit verurteilt worden, und er hätte um alles in der Welt gewußt, durch wen. ‚Was war passiert?’ schoß es ihm immer wieder durch den Kopf, ‚Was geschah, nachdem ich die „Schauerbar“ verlassen hatte?’ So oft und gründlich er auch sein Gedächtnis durchsuchte, so fand er doch nichts, nicht den kleinsten Hinweis, keinen Lichtblick, er fand nichts als eine schwarze Leere vor, ein dunkles, unendliches Universum, nichts als verlorene Stunden, vielleicht sogar Tage oder Wochen! Die Ungewißheit brannte ihm unter den Nägeln, unter der Haut, er schwitzte, er zitterte vor Angst, er fühlte sich schuldig. Er mußte etwas verbrochen haben, etwas Schlimmes, etwas Ungesetzliches, vom Alkohol enthemmt, vom Gewissen, dem Zuchtmeister der Zivilisation, verlassen, von seiner inneren Stimme, der Warnenden, der Ratgeberin im rechten Benehmen. Seine Wut muß mit ihm durchgegangen sein, die Wut auf die Philister, auf Leute, die nichts gelten ließen außer sich und ihre Dummheit, ihre Beschränktheit, die Wut auf eine Welt, auf eine dumme, beschränkte Welt, von Philistern beherrscht und verwandelt: in ein Gefängnis, ein Arbeitslager, in einen ewigen Kriegsschauplatz. Er muß vor Wut geplatzt sein, explodiert, und die Druckwelle muß Menschen getroffen haben, die darauf nicht mit Rücksicht und Verständnis geantwortet haben.

Der Blick aus dem Fenster, einem Gitterfenster, wirkte wie ein Schock. Denn der Baum, der sich vor diesem Fenster zeigte, hatte seine Blätter bereits abgeworfen. Es mußte also schon Herbst, wenn nicht gar Winter sein. Demnach hatte Liedrian Jedwed nicht nur Tage oder Wochen, sondern Monate, vielleicht Jahre verloren, eine Ewigkeit ohne Erinnerung, ohne bleibende Eindrücke.

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Dann folgte der nächste Schlag: Auf dem Bezug des leeren Nebenbettes, auf dem Bettbezug stand folgendes: „Eigentum des Tollhauses“, und darunter: „Totenburg an der Taubheit“. Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen, eine schwere, schalldicht gepolsterte Tür. Es erschien ein Tisch, ein Stahltisch auf Rollen, von einer Krankenschwester geschoben, ein Tisch voll kleiner durchsichtiger Becher, und in den Bechern Pillen in allen möglichen Farben. Dem Tisch und der Schwester folgte ein Mann in einem weißen Kittel, der Arzt, der Irrenarzt. Dieser sah auf den Patienten wie auf einen Hundehaufen herab, voller Abscheu, voller Widerwillen. Dabei schüttelte er seinen Kopf, so als ob er überrascht wäre, daß Liedrian Jedwed noch lebte. Auf die Frage der Pflegerin: „Zuerst die Pillen oder die Spritze?“ schüttelte er nur weiter seinen Kopf und sagte: „Erst die Spritze, dann die Tabletten!“ Jedwed hatte es die Sprache verschlagen, er konnte nichts fragen, nichts sagen, er konnte nur schreien. Die Spritze, gegen die er sich vergeblich zu wehren versuchte, raubte ihm wiederum die Erinnerung, vielleicht auch das Bewußtsein, sie löschte das Licht in seinem Gedächtnis aus. Es war, als ob der Rausch, der Filmriß fortdauere, als ob er durch ärztliche Anordnung verlängert würde.

In den wenigen kurzen Wachphasen wechselten die Jahreszeiten vor dem Fenster, je nachdem, ob der Baum, der hereinschaute, Blätter trug oder nicht; ein Baum, das einzige Zeugnis der Zeit, die einzige Brücke zur Wirklichkeit. Wenn Liedrian Jedwed aus seinem Koma, aus der Erinnerungslosigkeit aufwachte, fand er sich im Bett wieder, in seinen stinkenden Ausscheidungen, bis zur Bewegungsunfähigkeit gefesselt, durchgelegen bis auf die Knochen. Und dann kamen immer der Tablettentisch, die Krankenschwester und der Arzt, der Irrenarzt zur Tür herein, und immer sorgten sie dafür, daß Jedweds Wachphasen unterbrochen wurden.

Nur ein einziges Mal bekam Liedrian Jedwed etwas anderes zu sehen als den Tisch, die Krankenschwester und den Irrenarzt. Einmal kam nur der Arzt zu ihm, in Begleitung eines Zivilisten, seines gerichtlich bestellten Vormundes. Dieser Dildo Debilinski erklärte, nachdem er Liedrian Jedwed ins Gesicht gespuckt hatte, er werde alles versuchen, sein schweres Amt, zu dem er gezwungen wurde, diese Bürde, diese Last so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Es sei eine Schande für ihn, er fühle sich zutiefst verletzt und gedemütigt, sich eines Vergewaltigers und Mörders annehmen zu müssen. Selbst seine, Jedweds Familie, ob Vater, Mutter, Frau oder Kind, schämten sich, mit ihm verwandt zu sein, sie wünschten, er wäre nie geboren worden. Liedrian Jedwed schrie: „Das ist nicht wahr! Ich bin kein Schänder, kein Mörder. Ich könnte niemanden etwas zu leide tun, und alle wissen das, alle!“ Schon war die Krankenschwester zur Stelle, Schwester Sieghuhn, mit der Spritze in der Hand, mit einem gehässigen Grinsen im Gesicht. Und hinter ihr stand der Irrenarzt, Dr. Dünkelberger, und sagte: „Nun mach schon, Sieghuhn, stopp endlich das Geschrei!“

Als Liedrian Jedwed wiederum erwachte, war alles anders. Er lag zwar in einem Bett, in einem Krankenbett, das so weiß war wie die Wände, aber er sah keine Quälgeister, weder Schwester Sieghuhn noch Dr. Dünkelberger. Dafür war Grübchen da, seine Frau und sein Sohn Plankton, mit besorgten, mit hingebungsvollen Mienen spielend. Blumen standen überall im Zimmer, duftende Sträuße, und das Fenster - Liedrian Jedwed atmete auf - das Fenster hatte keine Gitter. Er sei kein Verbrecher, sondern das Opfer eines Verbrechens geworden, sagte seine Frau. Nicht er, sondern Dr. Dünkelberger sei der Vergewaltiger, der Mörder und Schwester Sieghuhn seine Komplicin. Sie hätten ihrem Opfer aufgelauert, nachts im Park, einer jungen Frau, einem Zufallsopfer auf dem Weg nach Hause. Nach der Tat hätten sie Liedrian gesehen, seines Weges schwankend, und beschlossen, ihm den Mord in die Schuhe zu schieben. Schwester Sieghuhn habe die Polizei alarmiert und ausgesagt, Jedwed auf frischer Tat ertappt zu haben, nachdem sie durch Hilferufe aufmerksam geworden wäre. Dr. Dünkelberger, der als Gutachter bei Gericht kein Unbekannter gewesen sei, habe durch das Streuen von Gerüchten und Falschinformationen für ein Entmündigungsverfahren gesorgt. Er habe es so eingefädelt, daß Liedrian Jedwed unter seine Obhut gestellt würde, daß er in seine Klinik komme. Dort habe er ihn in der Hand gehabt. Mit einem Giftcocktail sollte er nicht nur langsam umgebracht, sondern in ein künstliches Koma versetzt werden, so daß er nicht zu Wort kommen, sich nicht verteidigen könne. „Laß uns noch einmal von vorn anfangen“, weinte Grübchen, „laß uns noch einmal neu beginnen, so als ob nichts gewesen wäre!“

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